LGBTQ-Geschichte Münchens – erzählt durch Kunst im öffentlichen Raum

LGBTQ-Geschichte Münchens – erzählt durch Kunst im öffentlichen Raum

München ist nicht nur bekannt für seine prächtigen Bauwerke, Biergärten und die Isar – auch die queere Geschichte der Stadt hinterlässt sichtbare Spuren im öffentlichen Raum. An zahlreichen Orten erinnern Denkmäler, Kunstwerke und Inschriften an Persönlichkeiten, Meilensteine und Schicksale der LGBTQ-Community. Sie erzählen von Reformen und Repression, von gefeierten Ikonen wie Freddie Mercury ebenso wie von den dunklen Kapiteln der NS-Zeit und der AIDS-Krise. 

Max-Joseph-Denkmal und Maximilian von Montgelas Statue

Titelbild: Montgelas-Statue am Promenadeplatz
Max-Joseph-Monument am Max-Joseph-Platz

Am Max-Joseph-Platz thront der erste König Bayerns. Als Sitzdenkmal gestaltet, spiegelt die Statue den bürgernahen Geist von Max I. Joseph wider, der nicht nur durch seine Spaziergänge unter den Münchnern, sondern auch durch weitreichende Reformen in Erinnerung bleibt. Das unter seiner Regentschaft in Kraft getretene Bayerische Strafgesetzbuch markiert den Beginn der modernen deutschen Strafgesetzgebung. Gemeinsam mit seinem Minister Maximilian von Montgelas machte er Bayern zu einem der liberalsten deutschen Staaten. Sie sorgten für Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz, für Sicherheit der Person und des Eigentums, Religions- und Pressefreiheit und reformierten das Strafrecht. Das von der napoleonischen Gesetzgebung beeinflusste neue bayerische Strafgesetzbuch von 1813 stellte einvernehmlich vorgenommene sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern nicht mehr unter Strafe. Im Königreich Bayern konnten sich daraufhin homosexuelle Männer knappe 60 Jahre lang relativ ungestört bewegen (von gesellschaftlicher Akzeptanz war man natürlich dennoch weit entfernt). 


Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Lesben und Schwulen

Bodendenkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Lesben und Schwulen in der Dultstraße

Auf halbem Weg zwischen Marienplatz und Sendlinger Tor, erinnert ein Bodendenkmal an die Verfolgung Homosexueller. Hier war einst das Gasthaus Schwarzfischer, ein wichtiger Treffpunkt der Schwulenszene. 1934 führte dort eine NS-Razzia zur Verhaftung vieler Besucher, einige wurden in Konzentrationslager deportiert. 2017 wurde das Denkmal von Ulla von Brandenburg eingeweiht. Ein buntes Mosaik aus begehbaren Bodenplatten, in Anlehnung an die Regenbogenfahne, als wichtiges Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung. Sie führen um die Straßenecke herum und bilden so einen Winkel, der an die Stoffabzeichen der Gefangenen in den Konzentrationslagern erinnert. An zwei Stellen sind zudem rosafarbene und schwarze Dreiecke eingelassen - sie repräsentieren die farbliche Kennzeichnung der Inhaftierten Schwulen und Lesben.


Historisches Pissoir am Holzplatz

Historisches Pissoir am Holzplatz

Das Pissoir am Holzplatz, einst ein Schwulen-Treffpunkt, wurde 2020 in ein Kunstwerk verwandelt. Mit Portraits von prominenten ehemaligen Bewohnern der Isarvorstadt wie Freddie Mercury und Rainer Werner Fassbinder, würdigt das Pissoir heute die LGBTQ+-Geschichte Münchens und erinnert auch an die Zeiten der Verfolgung und heimlichen Begegnungen. Als die Nazis 1933 an die Macht kamen befand sich Am Glockenbach 12 mit dem Arndthof eines der beiden letzten Schwulenlokale der Stadt. Das Lokal wurde zum Ziel der ersten großen Antihomosexuellen-Razzia der Nationalsozialisten im Herbst 1934. Viele Gäste wurden verhaftet, einige ins KZ-Dachau deportiert. Auch daran erinnert das Artwork, mit abstrahierter Sträflingskleidung hinter dem Fassbinder-Portrait und rosa Winkeln.


Freddie Mercury Mosaik an der Fassade der Deutschen Eiche

Freddie Mercury Mosaic am Hotel Deutsche Eiche

Zwischen 1979 und 1985 fand Freddie Mercury in München nicht nur eine kreative Heimat für vier Alben, sondern auch einen Rückzugsort, um das Leben abseits des Londoner Rampenlichts zu genießen. Die Isar-Metropole war Schauplatz einer schillernden Epoche seines Lebens. Diese besondere Verbindung wird durch ein Mosaik an der Deutschen Eiche geehrt, das Mercury als Gast-Isarvorstädter und Ikone der LGBTQ+ Community würdigt. In München feierte Mercury auch seinen 39. Geburtstag - eine legendäre Black & White Party im Drag-Club "Old Mrs. Henderson". Bei der Gelegeneheit wurde übrigens das Video zu "Living On My Own" gedreht. Das aus abertausenden Glassteinen zusammengesetzte Kunstwerk zeigt den berühmten Queen Sänger mit Mikrofon in der Hand und trägt den Schriftzug "Munich 1979–1985". Auf den ersten Blick Schwarz-weiß, schimmern die Mosaiksteine im Sonnenlicht je nach Perspektive in allen Farben des Regenbogens, erklärt Künstler Franco Notonica. 


AIDS Memorial

AIDS Memorial am Sendlinger Tor

Am Sendlinger-Tor-Platz befindet sich Deutschlandweit das Erste AIDS-Memorial. Der Künstler Wolfgang Tillmans wollte hier etwas schaffen, dass Bezug auf die Umgebung nimmt und die Möglichkeit zum Verweilen zulässt. Die U-Bahn, mit den lebendigen, Türkis-Blauen Säulen wurde für die Olympischen Spiele 1972 gebaut. Dieses Motiv holt Tillmans aus dem Untergrund: Eine unter Vielen steht nun auf der Oberfläche. Die Alltäglichkeit der Form als Verweis auf die alltägliche Präsenz von AIDS im Leben Vieler. Daneben zwei kleine Bänke, die zum Innehalten einladen. Der U-Bahnhof ist heute umgestaltet - inklusive der Säulen im Zwischengeschoss, die mittlerweile in einem modernen Design daherkommen und ihre Siebziger-Keramik-Kacheln abgeschüttelt haben. Nur noch eine bleibt erhalten, um den Bezug zum Denkmal zu bewahren.


Gedenkstein für die EuroGames 2004

Erinnerungsstein am Neuen Rathaus

Die EuroGames sind ein jährlich stattfindendes Sportevent in wechselnden europäischen Städten. Es richtet sich hauptsächlich an queere Sportler*innen, aber auch heterosexuelle Personen können teilnehmen. Zusammen mit dem Kulturprogramm und den Partys sorgen die Spiele für eine breite Sichtbarkeit in der Stadt und fördern somit das offene Auftreten von queeren Personen. Für die Wettkämpfe stellte die Stadt München die Spielstätten des Olympiaparks zur Verfügung. Es nahmen rund 5.300 Athlet*innen und über 20.000 Besucher*innen teil. Es war die erste Veranstaltung dieser Art und Größe in München, die am Ende ein Plus von 600.000 € erwirtschaften konnte. Die Summe wurde an queere Einrichtungen in München gespendet. Als Anerkennung für den Erfolg der Veranstaltung und zur Erinnerung wurde am Rathaus eine Gravur angebracht. Sie befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Gedenktafel an die Olympischen Spiele 1972.

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